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Das "Accordion"

Der 06. Mai 1829 ist die Geburtsstunde des "Accordion".
Cyrill Demian (* 1772; † 1847), ein Orgel- und Klavierbauer in Wien, entwickelte zusammen mit seinen Söhnen Karl und Guido eine weiterentwickelte Harmonika, bei der auf jeder Taste ein Akkord erklang. Das Instrument hatte fünf Tasten und war "wechseltönig", das heißt, dass beim Auf- und Zuziehen des Balges ein anderer Akkord ertönte. Innerhalb kurzer Zeit kam es, wie die in Wien angemeldeten Patente belegen, bei diesem "Accordion" zu zahlreichen kleinen und großen Neuerungen. Doch alle Instrumente hatten Knöpfe zur Ventilbetätigung.

Obwohl die Entwicklung der Harmonikainstrumente auf ein in der Zeit um 2.700 v. Chr. im chinesischen Raum entstandenes Instrument namens "Sheng" (= chin. Mundorgel) zurückgeht, ist der Geburtsort des Akkordeons Wien, von dem aus es die ganze Welt eroberte. Am 23. Mai 1829 ließ Cyrill Demian ein Patent für ein Instrument, das er "Accordion" genannt hatte, in Wien anmelden. Mit dem Patent wurde eine Privilegiumsdauer verliehen, die ihm in den österreichischen Landen die alleinige Nutzung zusicherte. 1841 wurden in dem Buch: ,,Beschreibung der Erfindungen und Verbesserungen für welche in den kaiserlich-königlichen österreichischen Staaten Patente ertheilt wurden, und deren Privilegiums-Dauer nun erloschen ist" (herausgegeben auf Anordnung der kaiserl. königl. allgemeinen Hofkammer) die Patente der Jahre 1821 - 1835 angeführt. Auf Seite 281 lesen wir:

"... Zweijähriges Privilegium des Cyrill Demian und der Söhne desselben Karl und Guido Demian, Orgel- und Klaviermacher in Wien, auf die Erfindung eines neuen Instrumentes, Accordion genannt. Ertheilt am 23. Mai 1829. Im Jahre 1831 auf drei folgende Jahre verlängert. Erloschen durch Zeitablauf im Jahre 1834. Dieses Instrument hat die Gestalt eines kleinen Kästchens mit einem Blasbalge. Die Bodenplatte ist mit 5 Tasten versehen, von denen jede einen Akkord zum Ansprechen bringt. Die vibrirenden Theile sind dünne Metallplättchen, welche ein Schnarrwerk mit durchschlagenden Federn bilden. ... "

Das in der Patentschrift ( LINK: hier einige Auszüge davon) erwähnte ,,Accordion" hatte einen Tonumfang von c' bis e''. Leider ist das erste Modell von Demians ACCORDION nicht erhalten geblieben. Es wurde vom Obersten Hofmeisteramte des österr. Kaisers aufbewahrt und im Laufe von mehr als 100 Jahren in einige Gebäude ,,übersiedelt". Es ist interessant, daß eines der ersten Modelle seinen Weg nach Italien nahm, wo im Jahre 1863 Paolo Soprani eine originale Nachbildung hergestellt hat. Schon wenige Monate nach der Erfindung brachte Demian größere Modelle heraus. Instrumente mit 6 Tasten sind im Technischen Museum in Wien erhalten geblieben. Dorthin kam ein Teil der kaiserlichen Sammlung. Trotz der Kriegswirren und Zerstörungen wurden diese Modelle fast funktionstüchtig bis in die heutige Zeit gerettet. Demian hat verschiedene Möglichkeiten bei der Herstellung der Tasten (Claves) ausprobiert: aus Holz, aus Metall gepreßt, Clavisdrähte an die Taste montiert und an den Draht ein eigenes Abdeckplättchen gelötet. Die Plättchen waren aus Metall und hatten zur besseren Luftabdichtung schon Filzauflagen (später Filz und Leder). Eines der ersten Akkordeons ist nebenstehend abgebildet.

Schon am 22. Juli 1829 berichtet man in der ,,Wiener Zeitung", daß es jetzt ,,Accordions" mit 5, 6, 7, 8, 9 und 10 Klappen gebe. Jede Taste gab zwei verschiedene Töne, einen durch Aufziehen des Balges, einen anderen durch Zudrücken. Somit hatte ein Accordion mit 5 Klappen einen Tonumfang von 10 Tönen, ein solches mit 6 Klappen 12 Töne usw. Jedem dieser Töne war ein besonderer Akkord unterlegt, der als Begleitung diente. Dieser Akkord konnte durch Bedienen einer eigenen Klappe (Mutation) gedämpft werden. So waren dann die einzelnen Töne besser erkennbar.

Demian hatte also seine Erfindung ,,ACCORDION" genannt, weil er in seinem Instrument Vierklänge gleichzeitig mit den Melodietönen zum Erklingen brachte.

Die Korpusteile des ,,Accordions" waren aus Hartholz gefertigt. Die,,Kästchen" waren außen poliert oder politiert. Bei Luxusmodellen wurde auch Ebenholz verwendet, und man verzichtete auch nicht auf Intarsienarbeiten. Im Inneren des Kästchens kam zumeist Weichholz zur Verwendung. Der Balg war ein Lederbalg, wie man ihn aus Jahrhunderte alter Erfahrung vom Regal-, Positiv- oder Ponativbau her kannte. Beim Accordion verwendete man feineres Leder, da der Balg sehr klein war.

Der Spielwind (Luft) wurde durch das Anheben einer Klappe durch ein Loch direkt ins Instrument zur Stimmzunge geführt. Diese ,,Fedem", wie man damals zu sagen pflegte, waren aus gehärtetem Messingdraht gehämmert und direkt auf eine Platte aus Holz (ab 1845 Metallplatten) aufgenagelt. Erst später verwendete man für die Zungen andere Metalle, bis man schließlich bei einem speziellen Stahl verblieben ist. Die Zungen waren also alle auf einer dünnen Holzplatte montiert. Die Schlitze zum Hindurchschwingen der Zunge waren direkt in die Platte geschnitten. Den Kanzellenkörper mit den Stimmplatten für jeden Ton kannte man am Anfang noch nicht. Zunächst arbeitete man mit Zwischenböden, dann baute man Zwischenwände zwischen die einzelnen Zungen, was dann schließlich zum Kanzellenkörper von heute führte.

Die beiden Begleitakkorde (z.B.: C-Dur-Vierklang beim Aufziehen, G-Septimenakkord beim Zudrücken) hatten vorerst keine eigene Klappe, sie klangen also ständig mit den Melodietönen mit. Die Öffnung konnte mit der sog. ,,Mutation" geschlossen werden. In den ersten Berichten kann man von einer Dämpfung der Akkorde lesen: An der Instrumenteninnenseite (zum Körper gewandt) waren Löcher angebracht. Drückte man diese an den Körper, erklang der Akkord gedämpft. Später baute man die Mutation als ,,Schieber", mit dessen Hilfe man die Akkorde bewußt mitspielen oder weglassen konnte.

In die ersten Instrumente waren nur die Töne einer bestimmten Dur-Tonart eingebaut. Hatte das ,,Accordion" nun mehr Tasten, als für eine Oktave gebraucht wurden, so erweiterte man den Tonumfang in die kleine und bis zur dreigestrichenen Oktave. In den Grenzbereichen in der Tiefe oder in der Höhe verwendete man jedoch nicht mehr alle Töne. Alsbald wurde auch in verschiedenen Tonarten gebaut. In den ersten Berichten lesen wir von verschiedener ,,Stimmung". Es gab Accordions in C-, D-, ES-, E-, G-Dur usw. Auf den kleineren Accordions konnte man nur in der Tonart spielen, in welcher ,,gestimmt" war. Auf größeren waren gewöhnlich 2 Tonarten enthalten (z. B.: G- und D-Dur, C- und F-Dur usw.).

Schließlich baute Demian 1831 das vollkommene Accordion, das in einer Reihe die Töne der Tonart und in der zweiten Reihe die fehlenden Halbtöne hatte. An der Baßseite gab es bereits eine Baßtonleiter in der Stimmung der Haupttonart mit wenigen Ergänzungen. Interessant ist, daß in der Reihe der zusätzlichen Halbtöne und in der Baßseite bereits das Gleichtonprinzip verwendet worden ist. Vorerst hatten nur die größeren Modelle ein Luftventil, um vor allem beim wechseltönigen Spiel immer genügend ,,Luftvorrat" zu haben. Der Luftknopf (wie man heute sagt) ist dann schließlich in alle Instrumententypen eingebaut worden.

Die mitklingenden Akkorde haben also dem ,,Accordion" seinen Namen gegeben. Wir finden allerdings heute noch die Auffassung, daß erst die Modelle des 20. Jh.s mit den gekoppelten Akkorden (Dur-, Moll-, Septimen- und verminderte Septakkorde) den Namen Akkordeon erhalten haben und Harmonika bzw. Ziehharmonika der ursprüngliche Ausdruck für diese Instrumententype gewesen sein mag. Es muß hier festgehalten werden, daß dieses Instrument ab dem Tag seiner Erfindung (1829) den Namen ,,Akkordion" getragen hat und diese Bezeichnung auch in vielen Spielanleitungen und Noten zu finden ist. Erst um 1900 verschwindet der Ausdruck ,,Akkordeon", um dem der ,,Harmonika" als ein-, zwei- oder dreireihiges Modell, als chromatische Schrammelharmonika, Platz zu machen. Der Name Akkordeon wird erst wieder nach dem 1. Weltkrieg für das Piano-Akkordeon aktualisiert.

Es kann festgestellt werden, das Cyrill Demian und seine Söhne Guido und Karl ein Instrument erfunden haben, das bereits alle Merkmale des Akkordeons von heute in sich barg und der Ursprung für jedwede Weiterentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert gewesen ist.

Das Demian'sche Accordion war wechseltönig und diatonisch. Heute finden wir noch immer die HANDHARMONIKA und die STEIRISCHE HARMONIKA mit fast gleichen Tonschritten. Die sog. Hilfstöne und die Gleichtöne hatte Demian bereits in seinem ,,vollkommenen Accordion". So wie vor 150 Jahren baut man heute noch die Handharmonikas in verschiedenen Tonarten (Stimmungen).

Demian verwendete Akkorde in wechselnden Lagen und hatte eine Reihe Einzelbässe. Durch die Entwicklung verschiedener Technologien konnte die Baßtechnik von heute entstehen, die schließlich die ,,starren" Akkorde in Dur-, Moll-Septime und verminderter Septime ermöglicht hat.

Demian verwendete das ,,Gleichtonprinzip" für seine Zusatzreihe Halbtöne) und für die Baßtonreihe. Der Musiker Franz WALTHER hatte die Idee, die verminderten Septakkorde als Knopfreihen zu nehmen, so daß um 1850 das erste gleichtonige chromatische ,,Accordion" entstanden ist.

Zu guter Letzt finden wir auch bei Demian schon die ersten Ansätze für den Melodiebaß von heute. Er hatte eine Baßtonleiter ohne Oktavknick in sein ,,vollkommenes Accordion" eingebaut.

Demian legte also die Wurzel aller Entwicklungen des Akkordeons bereits in seine ersten Modelle.
Schon ab 1831 entstehen in Paris sowie nach dem Verlust seines Privilegiums 1834 durch Zeitablauf spontan auch in Wien weitere Erzeugungsbetriebe, die sofort mit dem Bau von Accordions beginnen. Sie alle haben entscheidend an der Fortentwicklung mitgewirkt. So manche Idee geriet aber alsbald wieder in Vergessenheit.

(Quelle: Walter Maurer, "Das Accordion", "Handbuch eines Instruments, seiner historischen Entwicklung und seiner Literatur", Harmonia Musikverlags- und Handelsgesellschaft m. b. H., Wien 1983)

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